05. August 1772: Beginn der preußischen Herrschaft über die westpreußischen Mennoniten
- Redaktion

- 5. Aug.
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Am 5. August 1772 vereinbarten Preußen, Russland und Österreich die Erste Teilung Polen-Litauens. Für die Mennoniten im Weichseldelta und in den westpreußischen Niederungen begann damit eine neue Epoche. Rund 12.000 Mennoniten wurden Untertanen des preußischen Königs Friedrich II. Zwar blieb ihnen die Befreiung vom Militärdienst zunächst erhalten, doch mussten sie dafür hohe Abgaben entrichten. Zugleich wurde ihnen der Erwerb neuen Landes zunehmend erschwert.

Die Erste Teilung Polens
Polen-Litauen war im 18. Jahrhundert durch innere Auseinandersetzungen und den wachsenden Einfluss seiner Nachbarstaaten geschwächt. Russland, Preußen und Österreich nutzten diese Lage, um große Gebiete unter sich aufzuteilen. Grundlage der Ersten Teilung wurde der am 5. August 1772 geschlossene Vertrag der drei Mächte. Unter militärischem Druck musste der polnische Reichstag die Gebietsverluste 1773 anerkennen.
Preußen erhielt unter anderem den größten Teil des bisherigen Königlichen Preußens sowie das Ermland und den Netzedistrikt. Die bedeutenden Städte Danzig und Thorn blieben vorerst bei Polen. Friedrich II. konnte durch die neuen Gebiete erstmals eine Landverbindung zwischen Brandenburg und Ostpreußen herstellen.

Aus den von Preußen übernommenen Gebieten entstand 1773 die Provinz Westpreußen. Für die dort lebende Bevölkerung bedeutete dies nicht nur einen Wechsel des Herrschers. Verwaltung, Steuern, Rechtsprechung und Militärwesen wurden schrittweise an die preußische Ordnung angepasst.

Eine bedeutende mennonitische Siedlungsgruppe
Die Mennoniten lebten zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehr als zwei Jahrhunderten im Gebiet der Weichselmündung. Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts waren vor allem niederländische und friesische Täufer nach Polen gekommen. Dort hatten sie vergleichsweise günstige Lebensbedingungen gefunden.
Viele Mennoniten siedelten in den Niederungen und Werdern an Weichsel und Nogat. Sie legten Sümpfe trocken, bauten Deiche, entwässerten das Land und machten gefährdete Flächen landwirtschaftlich nutzbar. Daneben arbeiteten Mennoniten als Handwerker, Müller, Kaufleute und Branntweinbrenner.
Obwohl sie wirtschaftlich geschätzt wurden, blieben sie eine religiöse Minderheit. Ihr Bekenntnis zur Wehrlosigkeit, die Ablehnung des Eides und ihre von den Staatskirchen getrennten Gemeinden führten immer wieder zu besonderen Abgaben und rechtlichen Einschränkungen.
Huldigung in Marienburg
Im September 1772 übernahm die preußische Verwaltung offiziell die Herrschaft über die neuen Gebiete. In Marienburg huldigten Vertreter der verschiedenen Bevölkerungsgruppen dem preußischen König. Auch eine Abordnung der Mennoniten nahm daran teil.
Für die Gemeinden war diese Huldigung mit großer Unsicherheit verbunden. Unter polnischer Herrschaft hatten sie sich auf örtliche Privilegien und Schutzbriefe berufen können. Nun stellte sich die Frage, ob Friedrich II. ihre Glaubenspraxis und vor allem ihre Befreiung vom Militärdienst weiterhin anerkennen würde.

Die Sorge um die Wehrfreiheit
Der preußische Staat war stark vom Militär geprägt. Die allgemeine Verpflichtung zum Kriegsdienst stand deshalb in einem deutlichen Gegensatz zur mennonitischen Glaubensüberzeugung. Mennoniten verstanden die Worte Jesu über Feindesliebe und Gewaltlosigkeit als verbindliches Gebot. Sie lehnten es ab, Waffen zu tragen, einen militärischen Eid zu leisten oder an einem Krieg teilzunehmen.
Friedrich II. war an den wirtschaftlichen Leistungen der Mennoniten interessiert. Er wollte ihre landwirtschaftlichen Kenntnisse und ihre Steuerkraft für den preußischen Staat erhalten. Zugleich sollte ihre Wehrfreiheit den Staat nichts kosten.
Nach Verhandlungen wurde den Mennoniten die Befreiung vom Militärdienst zugesichert. Das Gnadenprivilegium von 1780 bestätigte ihre Religionsausübung und erklärte sie dauerhaft von der persönlichen Militärpflicht befreit.

Wehrfreiheit gegen 5.000 Taler
Die gewährte Wehrfreiheit war jedoch mit einer erheblichen finanziellen Belastung verbunden. Die Mennoniten in Ost- und Westpreußen sowie in Litauen mussten gemeinsam jährlich 5.000 Reichstaler bezahlen. Das Geld war für die Kadettenanstalt in Culm bestimmt, in der junge Männer für den Militärdienst ausgebildet wurden.
Für die Mennoniten entstand dadurch eine widersprüchliche Situation: Um ihrem Glauben treu zu bleiben und nicht selbst zu Soldaten werden zu müssen, finanzierten sie eine militärische Ausbildungsstätte. Die Gemeinden nahmen diese Belastung dennoch auf sich, weil ihnen die Bewahrung der Wehrlosigkeit wichtiger war als der wirtschaftliche Verlust.
Die 5.000 Taler mussten gemeinschaftlich aufgebracht und auf die einzelnen Gemeinden verteilt werden. Für wohlhabende Landbesitzer war die Zahlung leichter zu tragen als für kleine Bauern, Pächter, Handwerker und Tagelöhner. Innerhalb der mennonitischen Gemeinschaft führte die Abgabe deshalb zu wiederkehrenden Diskussionen über eine gerechte Verteilung.

Einschränkungen beim Erwerb von Land
Neben der Sondersteuer entwickelte sich der Landerwerb zur schwerwiegendsten Belastung. Im preußischen Militärsystem war der Grundbesitz eng mit der Bereitstellung von Soldaten verbunden. Wenn ein Mennonit einen Hof von einem Nichtmennoniten kaufte, verlor der Staat aus seiner Sicht einen Hof, von dem künftig ein Soldat hätte gestellt werden können.
Deshalb durften Mennoniten neues Land nur eingeschränkt erwerben. Besonders das Mennonitenedikt von 1789 verschärfte die Lage. Der Kauf eines Grundstücks von einem Nichtmennoniten bedurfte einer besonderen Genehmigung. Andernfalls sollte der Käufer auf seine Befreiung vom Militärdienst verzichten – eine Forderung, die für einen überzeugten Mennoniten nicht annehmbar war.
Mennoniten konnten dadurch häufig nur noch Land von anderen Mennoniten erwerben. Da die Zahl der Familien wuchs, das verfügbare Land aber kaum zunahm, stiegen die Preise. Viele junge Familien konnten keinen eigenen Hof mehr übernehmen. Sie mussten als Pächter, Landarbeiter oder Handwerker ihren Lebensunterhalt verdienen.
Die Einschränkungen trafen die Mennoniten nicht nur wirtschaftlich. Der eigene Hof bildete vielfach die Grundlage des Familienlebens und ermöglichte ein Leben innerhalb der Gemeinde. Wenn junge Menschen keinen Hof erwerben konnten, wurde auch der Fortbestand geschlossener mennonitischer Siedlungen erschwert.

Der Blick nach Russland
Die wachsenden Einschränkungen führten dazu, dass sich ein Teil der westpreußischen Mennoniten nach neuen Siedlungsgebieten umsah. Gleichzeitig warb die russische Regierung um erfahrene Landwirte, die unbesiedelte Gebiete im Süden des Reiches erschließen sollten.
Die mennonitischen Abgesandten Jakob Höppner und Johann Bartsch reisten nach Russland und verhandelten über die Bedingungen einer Ansiedlung. Den Mennoniten wurden Land, Religionsfreiheit, eigene Schulen und die Befreiung vom Militärdienst zugesagt.
Bereits 1788 machten sich erste Gruppen aus Westpreußen auf den Weg. Im folgenden Jahr entstand am Dnjepr die Kolonie Chortitza. Sie wurde zur ersten großen mennonitischen Ansiedlung im Russischen Reich und zum Ausgangspunkt einer weitreichenden mennonitischen Siedlungsgeschichte in der heutigen Ukraine.
Nicht allein die Sorge um die Wehrfreiheit führte zur Auswanderung. Ebenso bedeutend waren der Mangel an verfügbarem Land und die unsicheren Zukunftsaussichten für junge Familien. Die preußische Politik beschleunigte damit eine Wanderungsbewegung, deren Folgen später bis nach Nord- und Südamerika reichen sollten.

Ein folgenreicher Herrschaftswechsel
Der 5. August 1772 steht in der Geschichte der westpreußischen Mennoniten für einen tiefen Einschnitt. Unter preußischer Herrschaft erhielten sie zwar eine rechtliche Absicherung ihrer Glaubens- und Wehrfreiheit. Diese Freiheit blieb jedoch an hohe Zahlungen und empfindliche Einschränkungen gebunden.
Die Mennoniten versuchten, ihrem Glauben treu zu bleiben und zugleich als verlässliche Untertanen friedlich im Land zu leben. Sie zahlten die geforderten Abgaben, bewirtschafteten ihre Höfe und suchten immer wieder das Gespräch mit den Behörden. Wo der staatliche Druck mit ihrem Gewissen unvereinbar wurde, wählten manche schließlich die Auswanderung.
So wurde die Erste Teilung Polens nicht nur zu einem Ereignis der europäischen Politik. Für die westpreußischen Mennoniten begann damit ein Ringen um Glaubensfreiheit, Wehrlosigkeit und eine gesicherte Zukunft für ihre Familien. Die Entscheidungen jener Jahre prägten die weltweite Geschichte der Mennoniten weit über Westpreußen hinaus.
Quellen
German History in Documents and Images: Die Teilungen Polens
P. J. Klassen: Mennonite Peace Theology in a Militaristic Society




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