top of page

04. Dezember 1721: Einladung an die Mennoniten

König Friedrich Wilhelm I. als Feldherr vor dem belagerten Stralsund (1715). Gemälde von Pesne 1729, allerdings in der neuen Uniform des Königsregiments.
König Friedrich Wilhelm I. als Feldherr vor dem belagerten Stralsund (1715). Gemälde von Pesne 1729, allerdings in der neuen Uniform des Königsregiments.

Am 4. Dezember 1721 erließ die preußische Regierung in Berlin ein Schreiben, das für die Geschichte Ostpreußens und der mennonitischen Glaubensgemeinschaft von weitreichender Bedeutung wurde. In einer Zeit, geprägt von Kriegen, Seuchen und staatlichen Reformen, lud König Friedrich Wilhelm I., der spätere „Soldatenkönig“, die Mennoniten ausdrücklich ein, sich in den entvölkerten Gebieten Ostpreußens niederzulassen.Besonders bemerkenswert: Dies war jener König, der wie kaum ein anderer den militärischen Geist Preußens verkörperte – und dennoch gewährte er ausgerechnet einer pazifistischen Glaubensgemeinschaft Wehrfreiheit und religiöse Duldung.


Ein König des Militärs – und ein außergewöhnlicher Schritt der Toleranz


Friedrich Wilhelm I. (reg. 1713–1740) machte Preußen zu einem hochmodernen, straff organisierten und militärisch ausgerichteten Staat. Seine Leidenschaft galt dem Heer, der Disziplin und einer effizienten Verwaltung.


Gerade deshalb wirkt die Entscheidung, den Mennoniten dauerhafte Befreiung vom Militärdienst zuzusichern, so außergewöhnlich.Denn Mennoniten lehnten aufgrund ihres Glaubens jeglichen Waffendienst ab. In vielen Ländern führte dies zu Konflikten, Ausweisungen und Repressionen.


Doch der „Soldatenkönig“ erkannte ihren Wert:


  • ihre unübertroffene Kompetenz im Deichbau und der Landgewinnung,


  • ihre fleißige, stabile und gemeinschaftliche Lebensweise,


  • und ihre wirtschaftliche Bedeutung für das Wiederaufbauprogramm der Provinz.


So entstand eines der bemerkenswertesten Beispiele pragmatischer Toleranz im 18. Jahrhundert: Ein militärisch geprägter Monarch schafft Raum für eine friedfertige Minderheit – und gewährt ihr Privilegien, die andere Gruppen nicht erhielten.


Ostpreußen in Not: Ein Land sucht Siedler


Zu Beginn des 18. Jahrhunderts lag Ostpreußen in Trümmern:


  • Die Pestjahre 1709–1711 hatten ein Drittel bis zur Hälfte der Bevölkerung ausgelöscht.


  • Der Große Nordische Krieg hatte Handel und Landwirtschaft schwer getroffen.


  • Weite Gebiete, insbesondere im Niederungs- und Flussgebiet, lagen brach.


Die preußische Regierung suchte daher gezielt nach fähigen Siedlern. Die Mennoniten, die bereits im Weichseldelta eindrucksvolle Erfolge in der Landentwicklung vorweisen konnten, erschienen ideal für diese Aufgabe.


Historische Karte von Ost- und West-Preussen 1789
Historische Karte von Ost- und West-Preussen 1789

Siedlungsgebiete der Mennoniten in Ostpreußen (ab 1721)


Die Mennoniten wurden in Ostpreußen vor allem in jenen Regionen angesiedelt, die nach Pest und Krieg stark entvölkert waren und die für ihre Entwässerung, Deichpflege und landwirtschaftliche Rekultivierung dringend erfahrene Siedler benötigten. Diese Gebiete lagen überwiegend im Niederungs- und Flussgebiet.


1. Das Memelland (Region um Memel/Klaipėda)


Besonders im Norden Ostpreußens ließen sich Mennoniten auf verstreuten Hofstellen und in Dörfern nieder.Typische Siedlungsräume:

  • um Memel/Klaipėda,

  • entlang der Dange und der Memel-Niederung,

  • im Bereich der Kurischen Hafflandschaft.

Das Memelland lag nahe der polnischen bzw. früheren Danziger Mennonitensiedlungen, was die Migration erleichterte.


2. Die Königsberger Niederung (Pregel-Niederung)


Dies war eines der wichtigsten Siedlungsgebiete.

Dazu gehörten:

  • das Gebiet um Königsberg (Kaliningrad),

  • die Pregel-Niederungen,

  • Regionen im Großen Moosbruch,

  • die Niederungsflächen zwischen Pregel, Deime und Frischen Haff.

Diese Gebiete galten als schwer zu bewirtschaften, boten aber bei erfolgreicher Entwässerung außerordentliche Fruchtbarkeit.


3. Das Gebiet um Tilsit und entlang des Memelstroms


Auch hier entstanden mennonitische Hofstellen und kleinere Gemeinden, insbesondere:

  • Südlich und westlich von Tilsit (Sovetsk),

  • an den Flussniederungen der unteren Memel.

Diese Siedlungen lagen strategisch günstig für die Holz- und Getreidewirtschaft.


4. Das Weichselland angrenzende Gebiete (Übergang zu Westpreußen)


Ein Teil der Mennoniten, die zuvor im Weichseldelta lebten, siedelte sich in Ostpreußen unmittelbar im Anschluss an ihre bisherigen Siedlungsgebiete an.Dazu gehörten u. a. Bereiche:

  • östlich von Marienwerder,

  • nördlich der Nogat,

  • auf preußischer Seite Richtung Elbinger Werder und Fischhausen.

Diese Migrationsbewegungen waren oft fließend und geschahen über mehrere Jahrzehnte hinweg.


5. Insterburg und das Gebiet der oberen Pregel


In geringerem, aber dokumentiertem Umfang wurden Mennoniten ebenfalls in Gebieten des heutigen Tschernjachowsk (Insterburg) angesiedelt – dort, wo durch Entvölkerung große Hofstellen frei geworden waren.


6. Einzel- und Streusiedlungen im gesamten Niederungsgebiet


Neben den größeren Schwerpunkten gab es auch zahlreiche Einzelsiedlerhöfe, z. B.

  • im Labiauer Gebiet,

  • auf Landgütern im Bereich Tapiau,

  • an Flussläufen und Kanälen, die eine Wiederbesiedlung dringend benötigten.


Von wo kamen die Mennoniten?


Die Mennoniten, die der Einladung von 1721 folgten, stammten überwiegend aus:


  • dem Weichseldelta (Danzig/Marienburg/Elbing)

Hier lebten sie seit dem 16. Jahrhundert, wurden jedoch zunehmend durch Steuerauflagen, Militärpflichtforderungen und wirtschaftliche Einschränkungen belastet.


  • westpreußischen und preußisch-polnischen Gebieten

Auch dort war ihre Rechtslage unsicher geworden, weshalb viele einen neuen, religiös toleranten Siedlungsort suchten.


  • kleineren Gruppen aus den Niederlanden

Diese hatten ihre ursprüngliche Heimat noch nicht sehr lange verlassen oder suchten Schutz vor neuen wirtschaftlichen Belastungen.


Viele von ihnen besaßen hochentwickelte Kenntnisse in Wasserbau, Ackerbau und Viehzucht – Fähigkeiten, die in Ostpreußen dringend gebraucht wurden.


Die Privilegien des Einladungsschreibens von 1721


Das Schreiben, das am 4. Dezember 1721 ausgefertigt wurde, enthielt außergewöhnliche Zusagen:


1. Wehrfreiheit

Trotz des starken militärischen Charakters des preußischen Staates wurden Mennoniten ausdrücklich dauerhaft vom Militärdienst befreit – eine direkte Anerkennung ihrer Gewissensüberzeugung.


2. Glaubensfreiheit und Duldung

Sie durften ihre Gottesdienste abhalten, ihre eigenen Gemeinden organisieren und ihre religiösen Praktiken ohne staatliche Einmischung ausüben.


3. Steuerliche Vergünstigungen

Zur Erleichterung der Ansiedlung wurden sie zeitweise von bestimmten Abgaben befreit.


4. Landzuweisung und Schutz vor Enteignung

Sie erhielten Land in schwer kultivierbaren Gebieten – vor allem Niederungsflächen –, die sie nach mennonitischer Tradition erfolgreich urbar machten.

Diese Privilegien machten Ostpreußen zu einem der attraktivsten Zufluchtsorte für Mennoniten in Europa.


Die Folgen: Mennoniten als Aufbauhelfer Ostpreußens


Die eingewanderten Mennoniten leisteten entscheidende Beiträge:


  • Sie bauten Deiche, legten Entwässerungssysteme an und erschlossen neue Agrarflächen.


  • Sie revitalisierten verlassene Dörfer und gründeten neue Gemeinden.


  • Ihre landwirtschaftliche Effizienz wurde vorbildhaft für die umliegenden Regionen.


  • Sie bewahrten ihre kulturelle Identität und prägten zugleich die wirtschaftliche Entwicklung Ostpreußens nachhaltig.


Bis ins 20. Jahrhundert hinein existierten mennonitische Familien und Siedlungen, die auf diese Einladung zurückgingen.


Schlussbetrachtung


Der 4. Dezember 1721 markiert einen seltenen historischen Moment: Ein König, berühmt für seine militärische Härte und Ordnungsliebe, gewährt einer pazifistischen Minderheit außergewöhnliche Freiheiten – weil er ihre Fähigkeiten schätzt und sie für den Wiederaufbau seines Landes benötigt.

Damit wurde ein Grundstein gelegt für über 200 Jahre mennonitischer Geschichte in Ostpreußen, die durch Fleiß, Gemeinschaftssinn und religiöse Standhaftigkeit geprägt war.


Informationen aus:m

Kommentare


Mit dieser Internetseite möchten wir den internationalen Erfahrungsaustausch und die gegenseitige Unterstützung über Ländergrenzen hinweg fördern.

Wir laden alle Besucher herzlich ein, Feedback zu geben, Korrekturen vorzuschlagen oder eigene Beiträge einzureichen.

Bei Fragen, Kommentaren oder Anregungen können Sie uns gerne kontaktieren.


WhatsApp:
00598 98072033
Uruguay-98072033


info@mennoniten-weltweit.info

WhatsApp.webp
telegram-icon-6896828_640.png
Mennoniten: Arbeite und hoffe
bottom of page