01. Januar 1788 Eine Einladung an der Kirchentür
- Redaktion

- 1. Jan. 2026
- 4 Min. Lesezeit

Am Neujahrstag 1788 spielte sich in Danzig eine Szene ab, die man sich fast filmisch vorstellen kann: Nach dem Gottesdienst an der Mennonitenkirche in Neugarten (einem Vorstadtbezirk außerhalb der Stadtmauern) treten die Besucher ins Freie – und Georg (von) Trappe, Werber im Auftrag der russischen Regierung, drückt ihnen gedruckte Einladungsschriften in die Hand. Die Chronik notiert diesen Vorgang ausdrücklich: „1. Januar und 13. Januar 1788“ habe Trappe die Einladung der Zarin unter den Gottesdienstbesuchern der Neugarten-Gemeinde verteilt.
Wo genau – und warum gerade dort?
Neugarten war nicht irgendein Ort: Es war der Standort einer der Danziger Mennonitengemeinden (friesische Richtung); der Platz war damit ein natürlicher „Knotenpunkt“ mennonitischer Kommunikation. In einer Darstellung zu Johann Bartsch wird Neugarten als westlicher Vorort direkt vor der Stadt beschrieben; die friesische Gemeinde habe dort bereits im 17. Jahrhundert ein erstes Gebäude errichtet. Kurz: Wer Mennoniten erreichen wollte, stellte sich an diese Kirchentür.
Was genau war das für ein Papier?
Trappe arbeitete nicht mit Gerüchten, sondern mit Drucksachen, die wie ein offizieller Aufruf wirken sollten. In einer überlieferten Einladung (1786) erklärt er, er sei durch eine Bestätigung aus St. Petersburg – vermittelt über Fürst Potemkin – als „Director und Curator“ für die zu gründenden Kolonien eingesetzt. Er warnt darin zugleich vor Angstpropaganda („Malice, cunning…“) und mahnt die Adressaten, die Entscheidung vor Gott zu prüfen. Für Ende Dezember 1787 ist außerdem ein weiteres, konkret auf Danzig bezogenes Werbeschreiben überliefert („issued on December 29, 1787, in Danzig“), das die beiden Danziger Gemeinden direkt anspricht und auf ausgehandelte Privilegien Bezug nimmt.

Damit wird der Neujahrstag 1788 greifbar: Die Leute bekamen nicht „eine Idee“, sondern ein Stück Papier, das sich wie ein offizielles Angebot las – inklusive Autorität (Potemkin/Kabinettsbestätigung), religiöser Ansprache und sehr konkreten Zusagen.
Warum war das brisant? Die Danziger Obrigkeit hatte bereits eingegriffen
Dass Trappe am Ausgang verteilt, ist ein Indiz dafür, dass der Weg über die Kanzel politisch heikel war. Schon 1786 hatten die Danziger Mennoniten erlebt, wie schnell die Stadt reagierte: Am 7. August 1786 wurden Trappes Kolonisationsaufrufe in den Danziger Mennonitenkirchen gelesen – daraufhin bestellte Bürgermeister Pegelau die Ältesten Peter Epp (flämische Gemeinde) und Isaac Stobbe (friesische Gemeinde) ein und verlangte, sie sollten mit den russischen Vertretern „nichts zu tun haben“. Auch wenn die Quellen nicht immer gleich formulieren, ist das Muster klar belegbar: Der Rat missbilligte die Kontakte – und dennoch gingen die Gespräche weiter.
Genau in diese Spannung fällt der 01. Januar 1788: Trappe bringt die Sache an die Öffentlichkeit – nicht als offizieller Kirchenakt, sondern als Tür-und-Straße-Aktion.
Warum waren so viele empfänglich? „Preußen“ saß als Druck im Hintergrund
Die Handzettel trafen auf eine Situation, in der viele Mennoniten in Westpreußen das Gefühl hatten, dass ihnen die Zukunft eng wird:
Militärstaat vs. Friedenskirche: Nach den polnischen Teilungen koppelte Preußen die Duldung der Wehrdienstverweigerer an eine kollektive Jahreszahlung (eine Art Ablöse für die Befreiung).
Landfrage (das soziale Kernproblem): Ab 1789 folgte das berühmte „Mennoniten-Edikt“, das den Landerwerb praktisch blockierte: Für Käufe von Nicht-Mennoniten war eine Sondergenehmigung („Consens“) aus Berlin nötig – die nach späteren Auswertungen „selten“ erteilt wurde.
Zeitgenössisch und in Ortsgeschichten wird genau das als „soziale Gefahr“ beschrieben, weil landlose Söhne und junge Familien ohne Boden kaum eine Perspektive hatten.
Wichtig für deinen 01.-Januar-Text: Das Edikt von 1789 liegt zwar chronologisch nach dem Ereignis, aber die Land- und Integrationsspannung war bereits vorher spürbar; das zeigt sich auch daran, wie früh der Rat 1786 einschritt und wie schnell in der Region „Auswanderung“ überhaupt diskutiert wurde.
Wer war Trappe – und warum konnte er so wirken?
Trappe war kein zufälliger Abenteurer, sondern ein staatlicher Kolonisationsagent. Schon 1786 hatte er in Danzig innerhalb kurzer Zeit erstaunliche Zahlen erreicht: In einem Bericht heißt es, er habe bis dahin nahezu 250 Familien in Danzig und Umgebung angeworben (darunter 35 mennonitische Familien) und früh die Unterstützung des Ältesten Peter Epp gewonnen. Dazu passt ein weiteres Detail: Trappe sprach den niederdeutschen Dialekt gut – ein kultureller Schlüssel, wenn man in den Werdern Vertrauen gewinnen will.
Was passierte unmittelbar danach? (Der „nächste Schritt“ kam prompt)
Der 01. Januar blieb kein isolierter Akt. Die gleiche Chronik, die den Neujahrstag nennt, führt bereits den 19. Januar 1788 an: Trappe habe weitere Exemplare verteilt und eine Zusammenkunft im Umfeld der russischen Gesandtschaft in Danzig organisiert, bei der Auswanderungswillige die Unterlagen und Privilegien einsehen konnten. Damit wird der Ablauf greifbar: Flyer an der Kirchentür → Einladung zur Gesandtschaft → organisatorische Bündelung.
Quellen:
Mennonite Historian (Juni 1988), Beitrag mit chronologischer Übersicht: nennt ausdrücklich „1 and 13 January 1788“ (Einladungen an der Neugarten Mennonite Church, Danzig) sowie Folgedaten (u. a. 19. Januar 1788).
GAMEO – Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online: Trappe, George von (18th–19th century) – biografischer Überblick, Rolle als Werber/Beauftragter, Kontakte zu Danziger Gemeinden und organisatorische Schritte.
Mennonite Historical Archives (mharchives.ca): Georg von Trappe’s invitation to the Mennonites of the Danzig area (1786) (Übersetzung/Abdruck) – zentrale Primärtext-Quelle zur Werbeschrift (Ton, Argumente, Zusagen).
Mennonite Historical Archives – Dokumentensammlung: Documents Regarding the Early Chortitza Mennonite Settlement – Verzeichnis weiterer Trappe-Dokumente (Briefe, Missiven, Finanzanweisungen etc.), hilfreich für Vertiefung/Primärbelege.
Plett Foundation (Preservings): Hintergrundartikel zum Bartsch-Hoeppner-Privilegium (Delegation, Privilegien, Trappes Rolle als staatlicher Agent/Koordinator).
Plett Foundation – Preservings Nr. 26 (PDF): enthält die Angabe, dass Trappe einen Bericht/Unterlagen u. a. „21 December / 1 January 1788“ in den Danziger Gemeinden verbreitete (wichtige Datierungsstütze rund um Neujahr 1788).
MennLex (mennlex.de): Artikel Westpreußen – kompakter Überblick zur Lage der Mennoniten unter Preußen, inkl. Hinweis auf die Pauschalsteuer von 5.000 Reichstalern zur Wehrdienstbefreiung.
Chortitza-Materialsammlung (PDF): Darstellung zur Auswanderung west-/ostpreußischer Mennoniten nach Südrussland; behandelt das Edikt vom 30. Juli 1789 und die Deklaration vom 17. Dezember 1801 als Rahmenbedingungen.
Mannhardt (1888): Jahrbuch der Altevangelischen Taufgesinnten oder Mennoniten-Gemeinden (Digitalisat) – zeitnaher Bezug auf die Bedeutung/Last des Edikts von 1789 für preußische Gemeinden (späterer Rückblick aus mennonitischer Perspektive).




Kommentare