top of page

Thieleman Jansz van Braght (1625 - 1664)

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Porträt Tieleman van Braghts von Abraham Blootelingh, nach 1664. Rijksmuseum
Porträt Tieleman van Braghts von Abraham Blootelingh, nach 1664. Rijksmuseum

Nur 39 Lebensjahre waren Thieleman Jansz van Braght gegeben. Dennoch hinterließ er mit dem Märtyrerspiegel eines der bedeutendsten Bücher der täuferisch-mennonitischen Geschichte. Sein Leben war geprägt von ernstem Bibelstudium, verantwortungsbewusstem Gemeindedienst und dem Anliegen, die Zeugnisse treuer Christen für kommende Generationen zu bewahren.


Kindheit und Ausbildung in Dordrecht


Thieleman Jansz van Braght wurde am 29. Januar 1625 in Dordrecht geboren. Sein Vater Jan van Bracht war Tuchhändler; auch Thieleman übte zeitweise diesen Beruf aus. Dordrecht war eine bedeutende Handelsstadt der niederländischen Republik und zugleich ein Ort mit einer lebendigen, jedoch in verschiedene Richtungen gegliederten täuferischen Gemeinde.


Der junge Thieleman zeigte eine ungewöhnliche Begabung zum Lernen. Er beschäftigte sich mit Latein, Griechisch und Hebräisch sowie mit Französisch und Deutsch. Vieles deutet darauf hin, dass er sich einen beträchtlichen Teil seiner Bildung selbst aneignete. Diese Sprachkenntnisse wurden später für seine umfangreiche Quellenarbeit am Märtyrerspiegel wichtig.


Im Jahr 1644 wurde er zusammen mit seiner Schwester Lijntje auf das Bekenntnis des Glaubens getauft und in die flämische Mennonitengemeinde von Dordrecht aufgenommen. Sein Wahlspruch lautete nach Psalm 18: »Der Herr ist mein Fels.« Darin kommt etwas von der inneren Ausrichtung seines Lebens zum Ausdruck: Nicht menschliche Sicherheit, sondern Gottes Wort sollte der feste Grund sein.


Dordrecht über die Maas mit der Grote Kerk, gemalt von Jan van Goyen im Jahr 1644 – dem Jahr, in dem van Braght getauft und in die Gemeinde aufgenommen wurde.  Walker Art Gallery
Dordrecht über die Maas mit der Grote Kerk, gemalt von Jan van Goyen im Jahr 1644 – dem Jahr, in dem van Braght getauft und in die Gemeinde aufgenommen wurde. Walker Art Gallery

Ein entschiedener Diener der Gemeinde


Bereits 1648, im Alter von etwa 23 Jahren, wurde van Braght zum Lehrer oder Vermaner der flämischen Mennonitengemeinde in Dordrecht berufen. Sechzehn Jahre lang diente er der Gemeinde als Prediger. Zeitgenössische und spätere Berichte beschreiben ihn als einen begabten Redner, der die Heilige Schrift gründlich kannte und seine Überzeugungen mit großer Entschiedenheit vertrat.


Seine Zeit war von schweren inneren Spannungen unter den niederländischen Mennoniten geprägt. Im sogenannten »Lammerenkrijgh« standen sich stärker an der überlieferten täuferischen Lehre orientierte Gemeinden und fortschrittlichere Richtungen gegenüber. Van Braght gehörte deutlich zur bewahrenden Seite. Er verteidigte Glaubenstaufe, Gemeindezucht, Absonderung von sündhaftem Wesen und die Wehrlosigkeit der Christen. Sein Eifer führte ihn nicht nur auf die Kanzel, sondern auch in öffentliche Glaubensgespräche und Disputationen.


Wirkung über Dordrecht hinaus


Van Braghts Dienst blieb nicht auf Dordrecht begrenzt. Bereits 1650 beanstandete der reformierte Kirchenrat von Dordrecht, dass er auf dem Marktschiff nach Rotterdam öffentlich gegen die reformierte Bekenntnislehre gesprochen habe. Im März 1662 wirkte er in Rotterdam an der weiteren Ausarbeitung eines mennonitischen Bekenntnisses mit.


Rotterdam in einer Stadtansicht von Caspar Merian aus dem Jahr 1659. Van Braght war auf dem Verkehrsweg zwischen Dordrecht und Rotterdam sowie bei Gemeindeberatungen tätig.
Rotterdam in einer Stadtansicht von Caspar Merian aus dem Jahr 1659. Van Braght war auf dem Verkehrsweg zwischen Dordrecht und Rotterdam sowie bei Gemeindeberatungen tätig.

Im Juni 1660 leitete er in Leiden eine Zusammenkunft konservativer Mennoniten. Auch in Utrecht griff er in Auseinandersetzungen innerhalb der Gemeinden ein. Die genauen Versammlungshäuser sind heute nicht sicher zuzuordnen; die zeitgenössischen Stadtansichten zeigen daher die Orte seines Wirkens, nicht bestimmte Predigtgebäude.


Leiden von Nordosten, Jan van Goyen, 1650. Hier leitete van Braght 1660 eine mennonitische Zusammenkunft. Museum De Lakenhal
Leiden von Nordosten, Jan van Goyen, 1650. Hier leitete van Braght 1660 eine mennonitische Zusammenkunft. Museum De Lakenhal
Utrecht in einer Ansicht von Joost Cornelisz. Droochsloot, entstanden etwa 1650–1665. Van Braght beteiligte sich hier an innergemeindlichen Auseinandersetzungen. Centraal Museum
Utrecht in einer Ansicht von Joost Cornelisz. Droochsloot, entstanden etwa 1650–1665. Van Braght beteiligte sich hier an innergemeindlichen Auseinandersetzungen. Centraal Museum

Seine Verbindungen reichten sogar über die Niederlande hinaus. Im März 1662 hielt er sich bei der mennonitischen Gemeinde in Obersülzen in der Pfalz auf. Die Reise zeigt, dass er den Austausch mit Gemeinden in Süddeutschland suchte. Das heute dort stehende Kirchengebäude wurde allerdings erst 1866 errichtet und darf nicht als der damalige Versammlungsort van Braghts verstanden werden.


Die Mennonitenkirche in Obersülzen. Van Braght besuchte die dortige Gemeinde 1662; das abgebildete Kirchengebäude entstand erst 1866.
Die Mennonitenkirche in Obersülzen. Van Braght besuchte die dortige Gemeinde 1662; das abgebildete Kirchengebäude entstand erst 1866.

Die Entstehung des Märtyrerspiegels


Neben seinem Predigtdienst schrieb van Braght für die Unterweisung der Jugend. 1657 erschien seine »Schule der sittlichen Tugend«, die in den folgenden Jahrhunderten zahlreiche Neuauflagen erlebte. Sein weitaus größtes Werk war jedoch das 1660 in Dordrecht veröffentlichte »Blutige Schauspiel oder Märtyrerspiegel der taufgesinnten oder wehrlosen Christen«.


Ursprünglich wollte van Braght ein älteres niederländisches Märtyrerbuch von 1631 erweitern. Während seiner Arbeit wuchs das Vorhaben erheblich. Er sammelte Berichte, Briefe, Bekenntnisse und gerichtliche Zeugnisse, verglich Chroniken und zog unterschiedliche historische Quellen heran. Das Ergebnis war ein Werk von ungefähr 1.290 Seiten, das die Geschichte christlicher Märtyrer von der Zeit Christi bis zum Jahr 1660 darstellte.


Dabei wollte van Braght nicht lediglich eine Sammlung erschütternder Todesberichte schaffen. Das Buch sollte zeigen, dass die wahre Gemeinde Jesu durch alle Jahrhunderte hindurch an Glaubenstaufe, Nachfolge und leidensbereiter Treue festgehalten habe. Historische Darstellung und geistliche Ermahnung gehören deshalb im Märtyrerspiegel untrennbar zusammen.


Deutsche Ausgabe des Märtyrerspiegels, 1748 in Ephrata in Pennsylvania gedruckt. Sie zeigt, wie weit van Braghts Werk nach seinem Tod verbreitet wurde.
Deutsche Ausgabe des Märtyrerspiegels, 1748 in Ephrata in Pennsylvania gedruckt. Sie zeigt, wie weit van Braghts Werk nach seinem Tod verbreitet wurde.

Der Weg des wehrlosen Christen


Schon der ausführliche Titel des Werkes bezeichnet die Märtyrer als »wehrlose Christen«. Wehrlosigkeit bedeutete für van Braght nicht Schwäche oder Gleichgültigkeit. Sie war die bewusste Nachfolge Jesu, der seine Feinde liebte, nicht mit Gewalt zurückschlug und lieber selbst litt, als anderen Leid zuzufügen.


Zu den bekanntesten Beispielen gehört Dirk Willems. Auf der Flucht über das Eis brach sein Verfolger ein. Willems hätte entkommen können, kehrte aber um und rettete dem Mann das Leben. Danach wurde er erneut festgenommen und später hingerichtet. Van Braght bewahrte diese Begebenheit als Zeugnis dafür, dass christliche Feindesliebe nicht nur gepredigt, sondern auch unter Lebensgefahr getan werden soll.


Dirk Willems rettet seinen Verfolger aus dem Eis. Kupferstich von Jan Luyken für die illustrierte Ausgabe des Märtyrerspiegels von 1685.
Dirk Willems rettet seinen Verfolger aus dem Eis. Kupferstich von Jan Luyken für die illustrierte Ausgabe des Märtyrerspiegels von 1685.

Die berühmten Kupferstiche Jan Luykens gehörten noch nicht zur Erstausgabe von 1660. Sie wurden erst der zweiten, 1685 erschienenen Ausgabe beigefügt. Van Braght selbst hat diese Bilder daher nicht mehr gesehen. Dennoch haben sie die Aufnahme seines Werkes über Jahrhunderte stark geprägt.


Arbeit trotz Krankheit und Belastung


Van Braght führte ein außergewöhnlich arbeitsreiches Leben. Sein Bruder Pieter bezeichnete ihn später als einen Mann von »großer Geschäftigkeit«. Neben dem Gemeindedienst, den Reisen und den umfangreichen historischen Forschungen schrieb er Gedichte, geistliche Lieder und Erziehungsschriften. 1669 veröffentlichte sein Bruder postum eine Sammlung von 51 Predigten; weitere Predigten sollen handschriftlich erhalten geblieben sein.


Über die genaue Krankheit, die seinem frühen Tod vorausging, geben die leicht zugänglichen Quellen nur wenig sichere Auskunft. Fest steht, dass van Braght am 7. Oktober 1664 in Moordrecht starb. Er war erst 39 Jahre alt. Am folgenden Tag wurde er in der Grote Kerk zu Dordrecht beigesetzt. Gerade angesichts seines kurzen Lebens ist der Umfang seines Dienstes bemerkenswert.


Ein kurzes, aber folgenreiches Leben


Van Braght erlebte die große Wirkung seines Werkes nicht mehr. Die reich illustrierte Ausgabe von 1685 erschien mehr als zwanzig Jahre nach seinem Tod. Später wurde der Märtyrerspiegel ins Deutsche und Englische übertragen und besonders unter Mennoniten und Amischen zu einem vielgelesenen Haus- und Gemeindebuch.


Nicht jede historische Einordnung van Braghts entspricht heutigen Maßstäben der Kirchengeschichtsschreibung. Doch sein Hauptanliegen bleibt deutlich: Die Namen und Zeugnisse derer sollten nicht vergessen werden, die Christus mehr liebten als Sicherheit, Besitz und Leben. Er wollte seine Leser nicht zur Bewunderung aus sicherer Entfernung führen, sondern zur Prüfung des eigenen Glaubens.


Was sein Leben uns heute sagt


Das Lebenszeugnis van Braghts erinnert daran, dass christlicher Glaube mehr ist als eine überlieferte Zugehörigkeit. Die Märtyrer, deren Berichte er sammelte, nahmen die Worte Jesu ernst und waren bereit, die Kosten der Nachfolge zu tragen. Ihre Stärke lag nicht in eigener Härte, sondern im Vertrauen auf Gott.


Zugleich mahnt sein Leben zu sorgfältigem Bewahren. Van Braght suchte alte Briefe, Zeugnisse und Berichte zusammen, weil er wusste, dass eine Gemeinde ohne Erinnerung leicht ihre geistliche Ausrichtung verliert. Geschichte sollte für ihn nicht nur Wissen vermitteln, sondern zur Treue ermutigen.


Sein Wahlspruch kann deshalb auch als Zusammenfassung seines Lebens gelesen werden: »Der Herr ist mein Fels.« Wer auf diesem Felsen steht, braucht weder Gewalt noch die Anerkennung der Welt. Er darf Christus gehorsam folgen – auch dann, wenn dieser Weg Verzicht, Widerstand oder Leiden mit sich bringt.


Quellen:

1. Regionaal Archief Dordrecht: Tieleman Jansz van Bracht

2. Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online (GAMEO): Braght, Tieleman Jansz van

3. Christian Classics Ethereal Library: Author information – Thieleman J. van Braght

4. MennoMedia: Martyrs Mirror

5. Project Gutenberg: The Bloody Theatre, or Martyrs Mirror

6. Wikimedia Commons: Bildsammlung zu Thieleman J. van Braght und zum Märtyrerspiegel

Kommentare


Mit dieser Internetseite möchten wir den internationalen Erfahrungsaustausch und die gegenseitige Unterstützung über Ländergrenzen hinweg fördern.

Wir laden alle Besucher herzlich ein, Feedback zu geben, Korrekturen vorzuschlagen oder eigene Beiträge einzureichen.

Bei Fragen, Kommentaren oder Anregungen können Sie uns gerne kontaktieren.


WhatsApp:
00598 98072033
Uruguay-98072033


info@mennoniten-weltweit.info

WhatsApp.webp
telegram-icon-6896828_640.png
Mennoniten: Arbeite und hoffe
bottom of page