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Plautdietsch erhält im kanadischen Zensus erstmals eine eigene Bezeichnung


Die traditionelle Sprache der Russlandmennoniten wird bei der kanadischen Volkszählung 2026 genauer erfasst


In der Familie findet hauptsächlich die Weitergabe der Plattdeutschen Sprache statt.
In der Familie findet hauptsächlich die Weitergabe der Plattdeutschen Sprache statt.

OTTAWA/WINNIPEG. Plautdietsch ist für Hunderttausende Mennoniten weit mehr als eine alte Mundart. Es ist die Sprache der Familie, des Alltags und der gemeinsamen Geschichte. Bei der kanadischen Volkszählung 2026 wurde diese Sprache nun erstmals ausdrücklich als eigene Auswahlmöglichkeit aufgeführt. Damit soll genauer ermittelt werden, wie viele Menschen in Kanada tatsächlich Plautdietsch sprechen.


Wer bei der Onlinebefragung angab, Niederdeutsch beziehungsweise „Low German“ zu sprechen, wurde gebeten, die Antwort näher zu bestimmen. Als mögliche Bezeichnungen erschienen unter anderem Plautdietsch und Low Saxon. In sozialen Netzwerken löste dies unter plautdietschen Mennoniten Freude und Überraschung aus. „Plautdietsch, baby! It’s a thing“, lautete ein viel beachteter Kommentar, der auch dem Bericht von Anabaptist World seine Überschrift gab.


Dabei handelt es sich nicht um die Anerkennung einer weiteren kanadischen Amtssprache. Kanada besitzt weiterhin Englisch und Französisch als offizielle Sprachen. Die gesonderte Erfassung bedeutet jedoch, dass Plautdietsch in der amtlichen Statistik genauer von anderen niederdeutschen Sprachformen unterschieden wird.


Mehr als 35.000 Muttersprachler erfasst


Bereits bei der kanadischen Volkszählung von 2021 bezeichneten 35.485 Menschen Plautdietsch als ihre Muttersprache. Nach den Angaben von Statistics Canada konnten rund 41.100 Personen eine Unterhaltung in der Sprache führen, während mehr als 24.000 sie regelmäßig zu Hause verwendeten. Größere Sprechergruppen leben vor allem im südlichen Manitoba, im Südwesten Ontarios und in Teilen Albertas.


Fachleute vermuten jedoch, dass die tatsächliche Zahl wesentlich höher liegt. Ben Nobbs-Thiessen, Inhaber des Lehrstuhls für Mennonitenstudien an der Universität Winnipeg, hält mehr als 100.000 Plautdietsch-Sprecher in Kanada für möglich. Ein Grund für die Abweichung könnte sein, dass manche konservative Mennoniten sowie neu eingewanderte Familien aus Mexiko und Südamerika von bisherigen Volkszählungen nicht vollständig erfasst wurden.


Kanada erlebt seit Jahren eine Zuwanderung plautdietscher Mennoniten aus Mexiko, Belize, Bolivien, Paraguay und anderen lateinamerikanischen Ländern. Dadurch steigt nicht nur die Zahl der Sprecher, sondern auch die Bedeutung der Sprache für Schulen, Behörden, medizinische Einrichtungen und Hilfsorganisationen.


Eine Sprache mit langer Wanderungsgeschichte


Plautdietsch entstand nicht in Kanada und auch nicht in Russland. Seine Wurzeln liegen im niederländisch-niederdeutschen Sprachraum. Täuferische Flüchtlinge aus den Niederlanden und Norddeutschland siedelten sich seit dem 16. Jahrhundert im Gebiet von Danzig und im Weichseldelta an. Dort übernahmen sie nach und nach die niederdeutsche Sprache ihrer Umgebung, bewahrten aber zugleich niederländische Einflüsse.


Mit den mennonitischen Wanderungen gelangte die Sprache Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts nach Russland. In den Kolonien Chortitza und Molotschna entwickelten sich leicht unterschiedliche Sprachformen. Diese Unterschiede sind teilweise bis heute bei den Nachkommen der jeweiligen Siedlergruppen hörbar.


Seit dem 19. Jahrhundert wanderte Plautdietsch mit den Mennoniten weiter nach Kanada und in die Vereinigten Staaten, später nach Mexiko, Belize, Paraguay, Bolivien, Brasilien, Argentinien und andere Länder. Heute wird die weltweite Zahl der Sprecher nach vorsichtigen Schätzungen auf 300.000 bis 500.000 Menschen geschätzt.


So wurde aus einer westpreußischen Mundart eine Sprache, die über mehrere Erdteile verteilt ist. Trotz der großen Entfernungen können sich Sprecher aus Kanada, Mexiko, Paraguay oder Sibirien häufig noch miteinander verständigen. Zugleich haben sich je nach Land zahlreiche Wörter aus dem Russischen, Englischen, Spanischen und anderen Umgebungssprachen eingebürgert.


Alltagssprache in vielen Kolonien


In zahlreichen konservativen Mennonitenkolonien ist Plautdietsch weiterhin die selbstverständliche Sprache des täglichen Lebens. Es wird zu Hause, auf dem Hof, bei der Arbeit, beim Einkauf und im Gespräch mit Nachbarn gesprochen. Hochdeutsch dient dagegen traditionell als Sprache der Bibel, der Predigt, des Gesangs und des Schulunterrichts.


In der Kirche wird in Hochdeutsch gepredigt
In der Kirche wird in Hochdeutsch gepredigt

Sprachwissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Plautdietsch beispielsweise in traditionellen Kolonien Mexikos die wichtigste interne Umgangssprache geblieben ist. Auch in der paraguayischen Kolonie Menno wird es innerhalb der Gemeinschaft überwiegend verwendet, während Hochdeutsch und Spanisch vor allem in Schule, Verwaltung und im Kontakt mit der Außenwelt gebraucht werden.


Diese Mehrsprachigkeit gehört seit Generationen zur mennonitischen Lebenswelt: Plautdietsch in Familie und Nachbarschaft, Hochdeutsch in Kirche und Schule sowie die jeweilige Landessprache für geschäftliche und amtliche Angelegenheiten.


Weitergabe an die Kinder entscheidet


Die Zukunft des Plautdietschen hängt vor allem davon ab, ob Eltern die Sprache mit ihren Kindern sprechen. Dort, wo Plautdietsch im Familienalltag lebendig bleibt, lernen Kinder es weiterhin fließend. In manchen stärker an die Mehrheitsgesellschaft angepassten Gemeinden verliert es dagegen an Bedeutung.


In der Schule lernen die Kinder lesen und schreiben in Hochdeutsch
In der Schule lernen die Kinder lesen und schreiben in Hochdeutsch

Eine sprachwissenschaftliche Untersuchung aus Nordamerika und Mittelamerika stellte beispielsweise fest, dass einige Kinder in Belize lieber Englisch sprechen. Teilweise beherrschen ältere Geschwister Plautdietsch noch gut, während jüngere Kinder nur noch eingeschränkte Kenntnisse besitzen. In vielen traditionellen mexikanischen Kolonien ist die Weitergabe dagegen weiterhin stabil, weil Plautdietsch das gesamte gemeinschaftliche Leben prägt.


Bibel, Bücher und Medien auf Plautdietsch


In den vergangenen Jahrzehnten entstanden zahlreiche Bemühungen, Plautdietsch nicht nur zu sprechen, sondern auch zu schreiben und zu dokumentieren. Es wurden Wörterbücher, Grammatiken, Erzählungen und Sprachkurse veröffentlicht. Radiosendungen und digitale Medien erreichen inzwischen Sprecher in vielen Ländern.


Von besonderer Bedeutung ist die vollständige plautdietsche Bibel „De Bibel“. Sie wurde gemeinsam von Kindred Productions und den United Bible Societies herausgegeben. Nach Angaben des Verlages wurden seit 2013 mehr als 33.000 Exemplare weltweit verkauft und verbreitet.


Plattdeutsche Bibel
Plattdeutsche Bibel

Die Bibelübersetzung macht Gottes Wort in der Sprache zugänglich, die viele Mennoniten von ihren Eltern gelernt haben und im täglichen Leben gebrauchen. Gerade für Menschen, denen das ältere kirchliche Hochdeutsch schwerfällt, kann sie eine wichtige Hilfe sein.


Mehr als eine statistische Bezeichnung


Die ausdrückliche Aufnahme des Begriffs Plautdietsch in die kanadische Volkszählung ist zunächst eine statistische Verbesserung. Dennoch besitzt sie für viele Mennoniten eine größere Bedeutung. Sie zeigt, dass ihre Muttersprache öffentlich wahrgenommen und nicht mehr lediglich unter einer allgemeinen Bezeichnung wie „Niederdeutsch“ eingeordnet wird.

Plautdietsch trägt Erinnerungen an das Weichseldelta, an Russland, Kanada, Mexiko und die südamerikanischen Kolonien in sich. Es verbindet Familien, die heute Tausende Kilometer voneinander entfernt leben. In seinen Redewendungen, Liedern und Erzählungen ist ein wesentlicher Teil der mennonitischen Geschichte bewahrt.


Ob diese Sprache auch in kommenden Generationen lebendig bleibt, wird jedoch nicht bei einer Volkszählung entschieden. Es entscheidet sich zu Hause: wenn Eltern mit ihren Kindern Plautdietsch reden, Großeltern ihre Geschichten weitererzählen und die Sprache auch im Glaubens- und Gemeinschaftsleben ihren Platz behält.


Quellen:

  • Anabaptist World: “Plautdietsch, baby! It’s a thing”, 8. Juli 2026.

  • Statistics Canada: Census of Population 2021 – Mother tongue by single and multiple responses.

  • Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online: Plattdeutsch.

  • Sarah Moschner: Mennonite Low German in Contact with Spanish and High German, Universität Regensburg, 2022.

  • Roslyn Burns: New World Mennonite Low German, University of California, Berkeley, 2016.

  • Institute of Linguistics, Russian Academy of Sciences: Plautdietsch – Minority Languages of Russia.

  • Kindred Productions: De Bibel – Low German/Plautdietsch Bible.

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