Meisterwerk auf Rädern: Riesiger Gedenk-Karren für mennonitische Feier im Chaco
- Redaktion

- 3. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. Dez. 2025

Auf einer mennonitischen Estancia im paraguayischen Chaco wächst derzeit ein Monument heran, das Tradition, Glauben und Erinnerung buchstäblich „auf den Wagen“ hebt: Der 52-jährige Handwerker Silvio Grance Morilla aus Paso Urunde’y, Distrikt Belén (Departamento Concepción), baut im Auftrag mehrerer mennonitischer Familien den vermutlich größten Ochsenkarren Paraguays.
Der Gedenk-Karren ist kein bloßes Schaustück: Er soll bei einer großen mennonitischen Feier mit Festzug und Gedenkprogramm zum Mittelpunkt werden – einer Feier, die an die Anfänge der deutschen Kolonisation im Chaco erinnert und zu der auch Gäste aus mehreren europäischen Ländern erwartet werden.
Ein Gigant aus Holz
Die Dimensionen des Wagens sprengen alles, was man aus der traditionellen paraguayischen „carreta“-Kultur kennt:
16 Meter Länge
7 Meter Höhe
4 Meter Breite
ein geschätztes Endgewicht von rund 17 Tonnen
Gefertigt wird die Konstruktion vollständig aus Holz; alle Teile wurden in Belén vorbereitet und anschließend in den Chaco transportiert, wo der Koloss nun vor Ort zusammengesetzt wird – ein Transport in einem Stück wäre längst unmöglich.

Silvio Grance Morilla, der seit Monaten gemeinsam mit seinem Sohn an dem Projekt arbeitet, bezeichnet den Wagen als die „Krönung“ seiner handwerklichen Laufbahn. Nationale Medien sprechen bereits von der „größten Karre Paraguays“, manche sogar von der „größten Karre der Welt“.
Warum ausgerechnet ein Ochsenkarren?
Für Außenstehende mag die Wahl eines Ochsenkarrens überraschen. Für die Mennoniten im Chaco ist sie hochsymbolisch. Als in den 1920er- und 1930er-Jahren mennonitische Siedler in den damals kaum erschlossenen Gran Chaco kamen, war der Ochsenkarren ihr wichtigstes Transportmittel:
1927 entstand die erste mennonitische Kolonie Menno im paraguayischen Chaco – gegründet von Auswanderern aus Kanada.
1930–1932 folgte Fernheim, wo viele Geflüchtete aus der damaligen Sowjetunion eine neue Heimat fanden.
1947 kam Neuland hinzu, eine weitere Kolonie russlanddeutscher Mennoniten.
Die Siedler gelangten oft per Schiff über den Río Paraguay nach Puerto Casado, dann mit einer Schmalspurbahn ein Stück weiter in den Busch – und schließlich mit Ochsenkarren tagelang durch Staub, Hitze und Dornenwald, um ihre neuen Dörfer zu erreichen.

Der Ochsenkarren steht daher für Pioniergeist, Entbehrung und Gottesvertrauen der ersten Generation. Der nun entstehende Riesen-Karren überhöht dieses Motiv bewusst: Er soll bei der bevorstehenden Feier sichtbar machen, wie aus den mühsamen Anfängen lebendige Gemeinden entstanden sind, deren Landwirtschaft, Genossenschaften und Schulen heute zu den tragenden Säulen der Region gehören.
Die Feier: Erinnerung, Dankbarkeit und Zeugnis
Laut den Berichten handelt es sich um eine besondere mennonitische Gedenkfeier, vorbereitet von Gemeinden im Chaco, bei der
ein Festumzug (Desfile) mit dem riesigen Ochsenkarren als Hauptsymbol,
Gedenkveranstaltungen zur Geschichte der Ansiedlung und
Begegnungen mit Gästen aus mehreren europäischen Ländern
geplant sind.
Im Zentrum steht die Erinnerung an jene Jahre, in denen mennonitische Familien – viele von ihnen aus Russland, Kanada oder Europa kommend – im Chaco eine neue Heimat suchten. Sie brachten ihr evangelisches Glaubensverständnis, ihre deutsche Sprache und Kultur sowie eine ausgeprägte Gemeinschaftsstruktur mit und prägten die Region nachhaltig.
Gerade für die Chaco-Mennoniten hat Erinnerung eine starke geistliche Dimension:
Sie dankt Gott für Bewahrung in Verfolgung und Flucht.
Sie anerkennt den Einsatz früher Generationen, die – oft unter Hunger, Krankheit und Kriegsfolgen – die Kolonien aufgebaut haben.
Sie will der jungen Generation zeigen, dass Wohlstand und Sicherheit heute nicht selbstverständlich sind, sondern Ergebnis von Glauben, Fleiß und Zusammenhalt.
In diesem Sinn ist der monumentale Gedenk-Karren mehr als ein touristisches Spektakel: Er wird bei der Feier als „fahrbares Denkmal“ fungieren – ein rollendes Geschichtsbuch aus Holz.

Begegnung von Tradition und Gegenwart
Bemerkenswert ist auch, dass der Auftrag an einen paraguayischen Handwerker aus dem Norden des Landes ging. Silvio Grance Morilla bringt traditionelle national-paraguayische Karreta-Kultur mit den mennonitischen Erinnerungsbedürfnissen im Chaco zusammen.
So entsteht ein Werk, in dem sich mehrere Ebenen kreuzen:
Paraguayisches Handwerk – in der Kunst des Wagenbaus und der Verarbeitung massiver Hölzer.
Mennonitische Geschichte – in der Form des Ochsenkarrens als Symbol der Pionierzeit.
Deutsch-paraguayische Erinnerungskultur – im Gedenken an die Anfänge der deutschen Kolonisation im Chaco.
Die Organisatoren hoffen, dass der Wagen auch nach der Feier als dauerhaftes Wahrzeichen dienen wird – als Fotomotiv für Besucher, als Lernort für Schulklassen und nicht zuletzt als stummer Prediger dafür, dass sich Glaube, Beharrlichkeit und friedliche Arbeit über Jahrzehnte hinweg auszahlen.
Ein Denkmal der Ausdauer
Wenn in wenigen Tagen die letzten Holzteile verschraubt und die Räder montiert sind, wird der riesige Ochsenkarren im staubigen Chaco-Wind stehen – ein sichtbares Zeichen der Dankbarkeit der Mennoniten für das Land, das ihnen zur neuen Heimat wurde, und für den Gott, dem sie sich verpflichtet wissen.

Was für viele Bewohner des Chaco wie ein eindrucksvolles Fotomotiv wirken mag, ist für die Mennoniten weit mehr: ein Holz gewordener Erinnerungssatz – an Flucht und Ankunft, an Last und Segen, an die ersten knarrenden Räder ihrer Geschichte im paraguayischen Busch.
Informationen aus den Zeitungen "ultima hora" und "abc" übersetzt und ergänzt mit Informationen aus mennlex.de




Kommentare