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21. Dezember 1553: Mennonitische Hilfe zu Weihnachten

Aktualisiert: 21. Dez. 2025


Am 21. Dezember 1553 liegt vor der mecklenburgischen Hansestadt Wismar ein Schiff im Eis fest. An Bord: reformierte Glaubensflüchtlinge aus England – Menschen, die wenige Monate zuvor ihre Gemeinde und ihre Existenz zurücklassen mussten. In England hatte mit Maria Tudor eine streng katholische Politik eingesetzt; ausländische protestantische Flüchtlingsgemeinden gerieten unter Druck, Predigern wurde das Wirken untersagt, viele wichen auf die gefährliche Route über die Nord- und Ostsee aus.


Eine Reise, die an Konfessionsgrenzen scheitert


Die Flüchtlingsgruppe stand im Umfeld von Johannes a Lasco (Jan Łaski), der nach seiner Zeit in Ostfriesland in London eine große „Fremdlingsgemeinde“ betreut hatte. Als die Gruppe im Herbst 1553 England verlassen musste, suchte sie zunächst Aufnahme im Norden – doch gerade hier zeigte sich, wie hart die innerprotestantischen Frontlinien damals verliefen: In strenglutherischen Hafenstädten wie Wismar wurden die Reformierten wegen ihrer Abendmahlsauffassung als „Sakramentierer“ verdächtigt und abgewiesen.




So kommt es, dass ausgerechnet in einer Region, die selbst nicht als Zufluchtort gelten wollte, das Schicksal der Flüchtlinge für Tage und Wochen in der Schwebe hängt: Die Landung wird verweigert – und zugleich verhindert das Eis jede eigenständige Rettung.


Hilfe aus der „verfolgten Minderheit“


In Wismar leben damals auch Täufer/Mennoniten – nicht offen anerkannt, aber als Netzwerk vorhanden. Menno Simons hielt sich im Jahre 1553 nachweislich in Wismar auf.


Gerade diese Gruppe entscheidet sich zur Hilfeleistung. Während Magistrat und Stadtgesellschaft den reformierten Fremden skeptisch begegnen, leisten die Mennoniten praktische Diakonie: Sie gehen – so wird es überliefert – über das gefrorene Hafenwasser bis zum Schiff, organisieren das Anlanden „ohne Aufruhr“, bringen Brot und Wein zur Stärkung und sammeln eine Geldgabe (in der Überlieferung: 24 Taler) für Bedürftige unter den Flüchtlingen.



Dass diese Hilfe kein „sicherer“ Akt war, gehört zum Kern des Ereignisses: Mennoniten standen vielerorts unter Verfolgungsdruck. Wer öffentlich auffiel, riskierte Verhöre, Geldstrafen oder Schlimmeres. Und doch wird gerade in diesem Winter sichtbar, was die täuferische Tradition als gelebte Nachfolge verstand: Barmherzigkeit auch gegenüber Andersgläubigen, sogar dann, wenn man dafür sein eigenes Leben aufs Spiel setzte.


Aus der Rettung wird ein Gespräch – und ein Streit


Die Episode endet nicht mit der Versorgung der Gestrandeten. In den Tagen nach Weihnachten 1553 kommt es in Wismar zu theologischen Kontakten: Ein reformierter Prediger (in der Literatur häufig als Hermes Backerel erwähnt) sucht das Gespräch mit Menno Simons; weitere Disputationen folgen Anfang 1554 unter Beteiligung von Marten Micron, der ebenfalls aus dem Londoner Flüchtlingsmilieu stammte.


So steht der 21. Dezember 1553 doppelt im Gedächtnis: als Tag verweigerter Aufnahme – und zugleich als Moment, in dem eine kleine, selbst bedrohte Glaubensgemeinschaft konkrete Hilfe leistet. In der Rückschau wird diese Rettungsaktion deshalb oft als frühes Beispiel mennonitischer Diakonie genannt, die nicht bei den „Eigenen“ Halt macht.


Bedeutung des Ereignisses


  • Es zeigt die Zersplitterung der Reformation: Nicht nur „katholisch gegen evangelisch“, sondern auch lutherisch gegen reformiert konnte über Leben und Sicherheit entscheiden.

  • Es beleuchtet Mennoniten als handelnde Akteure im Ostseeraum: nicht mächtig, nicht geschützt – aber organisiert und hilfsbereit.

  • Und es erinnert daran, dass Flüchtlingsgeschichten der Frühen Neuzeit oft genau so verliefen: Warten, Abweisung, Gefahr – und manchmal Rettung durch unerwartete Hände. 



Literaturuellen:

  • Buch: Hildebrands Zeittafel

  • Marten Mikron (Micron): Een waerachtigh verhaal der t’zamensprekinghen tusschen Menno Simons ende Martinus Mikron … (gedruckt 1556; moderne Edition bei W. F. Dankbaar (Hg.), Brill 1981).

  • F. A. Norwood: “The London Dutch Refugees in Search of a Home, 1553–1554.” American Historical Review 58 (1952/53), 64–72.

  • Ostfriesische Landschaft (PDF): “Menno Simons” (biographische Darstellung mit Hinweis auf Wismar 1553/54 und Hermes Backerel).

  • Mennoniten-Nordwest (PDF): Die Mennoniten in Ostfriesland (Abschnitt zu Menno Simons in Wismar und den Flüchtlingen).

  • GAMEO (Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online): Artikel “Menno Simons (1496–1561)” (Winter 1553/54, Flüchtlinge aus a Lascos Gemeinde).

  • MennLex (Historisches Lexikon der Mennoniten): Artikel “Simons (Simonszoon), Menno” (Einordnung der Kontroversen u. a. mit Micron nach Wismar 1554). mennlex.de

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