
Menno Simons
Der konservative Anker der Täuferbewegung
Um 1496 wird im friesischen Dorf Witmarsum Menno (Minne) Simons geboren. Über seine Kindheit ist wenig bekannt; sicher ist, dass er in einem bäuerlichen Umfeld aufwuchs, sein Vater Simon hieß und mindestens ein Bruder, Pieter, belegt ist.
Witmarsum lag im Westergo, geprägt von schweren Klei-Böden, Weideland und Landwirtschaft. Dorfleben und Jahreslauf wurden stark durch die katholische Kirche mit ihren Festen, Abgaben und Ritualen geordnet. Gleichzeitig erlebte Menno in seiner Jugend, wie unsicher diese Ordnung war: Friesland war von Parteikämpfen (Schieringer gegen Vetkoper), Machtwechseln und dem Eingreifen auswärtiger Mächte geprägt. Einflussreiche Familien wie die Aylva bestimmten vielerorts die weltliche Macht, doch Fehden, Kriegsabgaben und Plünderungen trafen die Bevölkerung hart.
Besonders einschneidend waren die Verwüstung des Aylva-Gutes 1515 und die Unterwerfung Frieslands unter Karl V. 1524. Menno erlebt Gewalt, Unterdrückung und Verluste aus nächster Nähe. Naturkatastrophen und Seuchen (Trockenheit, Überschwemmungen, Pest, Rinderkrankheit) verstärken die Not. In dieser krisenhaften Zeit reift bei ihm früh die Einsicht, dass äußere Ordnung nicht automatisch Gottes Ordnung ist – und dass scheinbare Frömmigkeit nicht immer der Wahrheit entspricht.

Menno Simons ist 28 Jahre alt, als er am 26. März 1524 in Utrecht zum Priester geweiht wird. Die Priesterweihe vollzieht der Weihbischof Johannes Heetsveld.
Zuvor legt Menno vom 23. bis 25. März die nötigen Examen ab. Er überzeugt die kirchliche Leitung davon, dass ihm ausreichende Mittel zur Verfügung stehen, um den priesterlichen Stand zu führen.
Die Reise in das Bistum Utrecht ist auch deshalb ein herausragendes Ereignis, weil Menno als Vikar in Pingjum angestellt wird. Die Pfarrgemeinde hat ihn selbst dafür vorgeschlagen – ein besonderes Recht der friesischen Katholiken.
Als Vikar assistiert er dem Priester bei Messe und pastoralen Aufgaben. Das bringt ihm etwa 60 Gulden jährlich ein. Daneben wirkt der Präbendar, der gegen Bezahlung besondere Messen (z. B. bei Eheschließungen oder Todesfällen) liest.
Mennos Berufung erfolgt vergleichsweise spät: Normalerweise werden friesische Priester schon mit etwa zwanzig Jahren geweiht. Menno schweigt über die Einzelheiten seiner Ausbildung; ebenso wenig erfahren wir Genaueres über seinen Bildungsweg. Hat er Privatunterricht erhalten? Eine Klosterschule besucht? Der Priester und der Präbendar von Pingjum hatten die Universität Rostock besucht – Menno ist der einzige ohne akademische Ausbildung. Gerade diese „Ungelehrtheit“ wird später für sein Profil bedeutsam: Er wird nicht zum Vertreter einer gelehrten Mode, sondern zu einem Mann der schriftgebundenen Gewissensentscheidung.
Schon früh kommen Menno Zweifel an der katholischen Verwandlungslehre von Brot und Wein. Jedes Mal, wenn er die Eucharistie leitet, fragt er sich, ob Hostie und Wein sich wahrhaftig in Christi Fleisch und Blut verwandeln. Zunächst deutet er diese Gedanken als Anfechtung – doch er sucht nicht die leichte Antwort, sondern die gründliche Klärung.
Zahlreiche Laien („Sakramentarier“) kritisieren die Transsubstantiationslehre. Zugleich findet der biblische Humanismus eines Erasmus Gehör: Er weist darauf hin, dass viele kirchliche Bräuche nicht klar biblisch fundiert sind. Auch Luthers Kritik an Werkgerechtigkeit und sein Ruf nach „sola fide“ und „sola scriptura“ dringen dank Buchdruck nach Friesland.
Um 1526 bekommt Menno ein Neues Testament nach der Übersetzung von Martin Luther. Ob er zuvor die Bibel systematisch gelesen hatte, bleibt offen – doch nun gewinnt die Schrift für ihn Gewicht. Er erkennt: Lehre muss sich an der Bibel prüfen lassen. Diese Haltung – Schrift vor Tradition – wird später ein Kern seines konservativen Profils.
In der Nachbarpfarrei Witmarsum werden Ende 1527 im Auftrag des Gemeindevorstehers Tjaard van Aylva Schriften Luthers und anderer „Ketzer“ beschlagnahmt.
Dann hört Menno um 1530, dass es Menschen gibt, die sich auf ihren Glauben hin erneut taufen lassen. Auch hier prüft er die Frage nicht nach Stimmung, sondern nach Schriftgrund: Er beginnt, die Kindertaufe an der Bibel zu messen.

