top of page
Historische Einleitung
Diese Einleitung wurde dem Buch " Die Rußlandmennoniten I" 5. Auflage von Autor Horst Gerlach entnommen, leicht abgewandelt und erweitert.

Die Mennoniten

Entstehung, Glaube, Lehre, Verbreitung

Menno Simons

Die Mennoniten sind Kinder der Reformation mit besonderer Betonung des "Neuen Testamentes". In jener Zeit des geistigen und geistlichen Umbruchs gehörten zu dem engsten Kreis der Reformators Ulrich Zwingli in Zürich eine Gruppe gebildeter und engagierter Humanisten und Pfarrer, wie Conrad Grebel, Sohn des Ratsherrn, und Felix Manz, denen das reformatorische Tempo nicht schnell und weit genug ging. Unter anderem nahmen die einstigen Freunde Zwinglis Anstoß an der Kindertaufe. Für sie war die christliche Kirche die "Gemeinde der Wenigen".

Felix Manz

Anfänge und Lehre

Der Mönch Georg Blaurock vollzog die erste Glaubenstaufe an Conrad Grebel am 21.01.1525 in Hause der Witwe Manz. Mit Ulrich Zwingl kam es zum Bruch und Manz wurde ob seiner Haltung 1527 in der Limmat in Zürich ertränkt, viele "Wiedertäufer", wie man die Gruppe nun nannte wurden hingerichtet.

Ertränkung von Felix Manz

Die Täufer hatten mit den anderen Konfessionen vieles gemeinsam. Man sprach in jenen Tagen aber mehr von den Unterschieden. Um ihre eigenen Lehren mehr zu spezifizieren, trafen sich Täuferführer 1527 in Schleitheim bei Schaffhausen, um unter der Leitung des ehemaligen Priors von St. Peter im Schwarzwald, Michael Sattler, das "Schleitheimer Bekenntnis" zu formulieren. Es handelt u. a. von:

1. Die Taufe

Sie soll als Glaubenstaufe verstanden werden. Dies war für viele Christen damals ein Anstoß und Grund für Verfolgungen. Nicht zuletzt durch den Einfluss des neuzeitlichen Theologieprofessors Karl Barth ist auch in den anderen Kirchen ein gewisser Denkwandel in Richtung Erwachsenentaufe eingetreten.

2. Das Abendmahl

Es ist sicher auch hier ein Einfluss Zwinglis auf das täuferische Denken gegeben. Das Abendmahl hat bei den Täufer-Mennoniten symbolische Bedeutung. Mennoniten und ihnen verwandte Gruppen ( Amische, Hutterer) feiern das Abendmahl in beiderlei Gestalt.

 

3. Das Schwert

Die täuferische Haltung bezüglich Gewalt bedeutet damals eine Anwendung der Lehren der Bergpredigt auf alle Lebensbereiche und damit die Ablehnung des Kriegsdienstes und der weltlichen Ämter. Aber gerade da war das Täufertum - wie in vielen anderen Dingen - von Anfang an unterschiedlicher Meinung. Einer der Hauptvertreter der anderen Richtung (Glaubenstaufe: Ja, Schwertablegung: Nein) war Balthasar Hubmair, Professor der Universität Ingolstadt, später Pfarrer in Waldshut, der 1528 hingerichtet wurde. Auf ihn berufen sich mehr baptistische Gruppierungen und haben ihm in Waldshut nach dem 2. Weltkrieg eine Gedächtniskirche gebaut.

In der Praxis hatten die Mennoniten große Schwierigkeiten mit der Friedensethik. So erkannte z. B. Napoleon dieses Prinzip nicht an. Die preussische Regierung gestattete in einer Kabinettsorder 1868, dass Mennoniten als Sanitäter oder in der Schreibstube tätig sein dürften. Die zaristische Regierung wollte der starken mennonitischen Abwanderung aus Russland auf Grund der allgemeinen Wehrpflicht entgegensteuern und gestattete den Mennoniten 1874 im Lazarett oder im Forstdienst einen alternativen Dienst abzuleisten.

Seit dem 2. Weltkrieg gab es in Europa wieder eine Neubesinnung auf das alte mennonitische Prinzip der Wehrlosigkeit. In der Bundesrepublik Deutschland ermöglicht das Grundgesetz die Ableistung eines Zivil- statt eines Militärdienstes. Die Mennoniten gaben dazu den Anstoß und das Beispiel.

4. Der Eid

Die Täufer haben im Sinne der Bergpredigt und des Jakobusbriefes (Matth. 5, 33-37 und Jakobus 5, 12) den Eid als von der Schrift verboten und die Wahrhaftigkeit als geboten erklärt. Die meisten Mennoniten sind auch als ehrliche Leute bekannt. Die Eidesverweigerung brachte ihnen bei der Einstellung im Staatsdienst oft Schwierigkeiten. Aber selbst im "3. Reich" konnte man nach zähem Tauziehen sogar mit dem Reichsführer SS Heinrich Himmler eine Gelöbnisreglung für junge Mennoniten aus Russland erreichen.

Das hier Aufgeführte ist nicht das "Schleitheimer Bekenntnis", welches nur im süddeutschen Raum Verbreitung fand, sondern eine Anwendung der Punkte in der Praxis. Ein weiterreichendes Bekenntnis wurde von divergierenden nennonitischen Gruppen 1639 in Dordrecht / Niederlande erarbeitet und von elsässischen und pfälzischen Mennoniten unterzeichnet.

Taufszene Münsterland

Ausbreitung

1527 trafen sich Täufer in Augsburg zur sogenannten "Märtyrersynode" und schickten Missionare in die Pfalz, nach Frankreich, Bayern, die Schweiz, Salzburg und Österreich. Melchior Hofmann bereitete die Täuferlehre in Norddeutschland aus und taufe in Emden 300 Personen an einem Tag. In Münster kam es 1534 / 35 zu einer Art Täuferaufstand, der blutig niedergeschlagen wurde.

Mennoniten Predigt 1845

In jenen tagen beschäftigte sich Menno Simons, Priester in Witmarsum / Friesland (1496 - 1561) mit dem Täufertum. Er verurteilte das Vorgehen von Münster und wurde zum geistigen Ziehvater der friedfertigen Täufer. Die Bezeichnung "Mennoniten" geht auf ihn zurück. Menno ist aber nicht der "Gründer" der Mennoniten. Der Ausdruck soll im 16. Jahrhundert von Emdener Behörden geprägt worden sein.

Aus dem Gebiet der heutigen Niederlande, Norddeutschland und dem süddeutschen Raum wanderten ab dem Jahre 1547 Mennoniten in das Gebiet der Weichselmündung ein. Der Bischof von Leslau nahm sie in sein Gebiet, Schottland bei Danzig, gern als Tuch- und Leinenweber, Färber und Bortenmacher auf. Ein Teil der mennonitischen Siedler wanderten nach 1713 in die Memelniederung, wo man ihnen nachsagt, sie hätten den Tilsiter Käse erfunden. Menno Simons schrieb bereits 1549 an die "Gemeynte in Preussen". 1580 gab es schon fümf Gemeinden: Danzig, Elbing, Montau, Kleines Werder und Thorn.

Hinrichtung Täufer Alzey

Zuvor war es in der Schweiz, den Niederlanden, Süddeutschland, Tirol und der Pfalz zu fürchterlichen Verfolgungen der Wiedertäufer gekommen, bei denen viele unschuldige Frauen und Männer auf grausame Art hingerichtet wurden. 

1683 segelten 13 Familien, sogenannte Quäker-Mennoniten, aus dem Bereich Krefeld mit dem Schiff "Concord" von Rotterdam nach Philadelphia in Pennsylvanien und gründeten dort Germantown. Dort protestierten sie 1688 gegen den Sklavenhandel. Dieser Protest war wohl der erste bekannte Protest gegen die Sklaverei. Etwa 100.000 Deutsch, unter ihnen eine erhebliche Zahl Mennoniten aus der Pfalz und Süddeutschland, darunter auch amische Gruppierungen aus der Schweiz, dem Elsass und Hessen folgten ihnen nach Pennsylvanien und von dort in andere Staaten der USA und nach Kanada. Probleme mit der Wehrfreiheit brachte ab 1873/74 noch einmal größere Einwanderungsschübe aus Westpreußen und vor allem aber aus Russland in die Präriestaaten der USA und die Provinzen Kanadas.

Als dann in den Anfängen des 20. Jahrhunderts im Kanada die mennonitischen Siedlungen zu Wohlstand kamen und der Fortschritt Einzug hielt, wanderten einige konservative mennonitische Gruppen ab 1922 nach Mexiko und Paraguay aus. Mitunter war auch ein Grund für die Abwanderung war auch die Einflussnahe des kanadischen Staates auf die mennonitischen Schulen. Hier sahen viele Mennoniten ihr Recht auf die Selbstverwaltung der Schulen gefährdet.

Dieses Prinzip der Wanderschaft hat sich in die nächsten Jahrzehnten immer wieder wiederholt, sodass es mittlerweile in fast allen südamerikanischen Ländern konservative mennonitische Siedlungen gibt.

Bildungseinrichtungen

Nach einer Phase der Neuansiedlung und des Aufbaus wurden Konferenzen, Schulen, Hochschulen und Missionsgesellschaften gegründet, sowie die Diakonie organisiert. Weil sich aber die Mennoniten häufig in den Details der Glaubenslehr und im praktischen Leben unterscheiden, so spiegelt sich das auch in den Institutionen wieder. Auch durch die Gründung von einigen Lehranstalten konnte der Glaube, die Lehre und die Geschichte der Täufer-Mennoniten ohne staaliche Reglementierung bis hin zum Universitätsniveau gelehrt werden. So gibt es heute in Nordamerika und auch in Europa eine Reihe von Hochschulen und Seminaren mit angeschlossenen historischen Bibliotheken.

Mennonitenkirche Philadelphia Germantown

Folgende Bildungseinrichtungen können hier stellvertretend genannt werden:

- Conrad Grebel College in Waterloo / Ontario (seit 1961)

- Eastern Mennonite College in Harrisonburg / Virginia (seit 1917)

- Goshen College und Seminar in Indiana (seit 1894)

- Hesston College in Kansas (seit 1909)

- Rosedale Bible Institut in Irwin / Ohio

- Messiah College in Grantham / Pennsylvanien der "Brüder in Christo"

- Bethel College der Allgemeinen Koferenz der Mennoniten (seit 1887)

- Tabor College in Hillsboro / Kansas der Mennoniten Brüdergemeinde

- Winnipeg Mennonite Bible College in Winnipeg / Kanada

- Taufgesinnten Seminar in Amsterdam / Niederlande

- Europäische Mennonitische Bibelschule in Ließtal Basel / Schweiz

Mennonitische Zentralkomitee (MCC)

Die unbeschreibliche Not der Glaubensgeschwister in Russland führte 1920 in Ekkart / Indiana zur Gründung des "Mennonite Central Commitee", das heute seinen Haupsitz in Akron / Pennsylvanien hat. Sein erster Vorsitzender wurde Prof. P. C. Hiebert aus Hillsboro / Kansas. 1922 konnte das MCC in Russland täglich schon 43.000 Essen ausgeben und an andere Familien Brot und Kleidung verteilen. Seit dieser Zeit ist das MCC mit verschiedenen Hilfsprogrammen mit ca. 1.000 Mitarbeitern (1987) und gut 5.000 freiwilligen Helfern in rund 50 Ländern der Erde tätig. Zu diesen Angaben gehören auch die Hilfen für die GUS-Staaten und die Umsiedler.

Weltweite Verbreitung

Die Mennoniten sind inzwischen weltweit verbreitet. Nach Angaben der Mennonitischen Weltkonferenz gab es im Jahr 2015 weltweit etwa 2,1 Mio. Täufer. Regionale Schwerpunkte bilden unter anderem der mittlere Norden der Vereinigten Staaten und das Zentrum Kanadas (Manitoba), Mexiko, Paraguay, Belize, Bolivien, der Kongo und Äthiopien.

Mennonitenkirche Franconia Pennsylvanien

Mennonitische Weltkonferenzen

Da die verschiedenen Gruppierungen der Mennoniten sich durch Verfolgung, Wanderungen und durch bedingte räumliche Trennungen auseinandergelebt hatten, beschloss der aus Elbing / Westpreußen stammende Mennonitenprediger Heinrich Pauls 1913 in Lemberg, damals östereichisch Galizien, eine mennonitische Weltkonferenz einzuberufen. 

Dieses Vorhaben konnte aber erst 1925 in Basel / Schweiz umgesetzt werden, wozu der  Pfarrer Christian Neff vom Weierhof in der Pfalz eingeladen hatte.

1930 tagte dann die Weltkonferenz in Danzig, um den bedrängten Brüdern in Russland zu helfen. 

Weitere mennonitische Weltkonferenzen fanden statt in:

- Amsterdam / Niederlande 1936

- Goshen und Newton / Kansas 1948

- St. Chrischona / Schweiz 1952

- Karlsruhe / Deutschland 1957

- Kitchener, Ontario / Kanada 1962

- Amsterdam / Niederlande 1967

- Curitiba / Brasilien 1972

- Wichita, Kansas / USA 1978

- Straßburg / Frankreich 1984

- Winnipeg / Kanada 1990

- Calcutta / Indien 1997

- Bulawayo, Simbabwe / Afrika 2003

- Asuncion / Paraguay 2009

- Harrisburg, Pennsylvania / USA 2015

Mennoniten Weltkonferenz 1925
Rußlandmennoniten 1 von Horst Gerlach

Informationen wurden aus dem Buch "Die Rußlandmennoniten I Ein Volk unterwegs" 5. Auflage von Autor Horst Gerlach entnommen.

bottom of page